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Was sind Genossenschaften?

Werbemotiv Mitgliedschaft Volksbanken RaiffeisenbankenWerbemotiv zur Mitgliedschaft bei den Volks- & Raiffeisenbanken (Aufkleber des Württembergischen Genossenschaftserbandes, Anfang der 1980er Jahre) Quelle: PA mb/gk

Eine Genossenschaft ist ein freiwilliger Zusammenschluss von mindestens drei Mitgliedern (Genossen). Das wesentliche Ziel dabei ist die Förderung der gemeinsamen Interessen und des (in der Regel wirtschaftlichen) Nutzens der Mitglieder. Das können zum Beispiel Kostenvorteile durch günstige Beschaffungs- und Absatzkonditionen oder die gemeinsame Nutzung kostenintensiver Anlagen sein. Darüber hinaus bleiben die Mitglieder jedoch selbstständig.

Kennzeichnend für Genossenschaften ist das Vertrauen in die eigene Kraft, ausgedrückt durch die Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. In der Praxis bedeutet das, dass die Mitglieder ihrer Genossenschaft Kapital zur Verfügung stellen und dafür an allen wichtigen Entscheidungen zu Ausrichtung und Geschäftszweck der Genossenschaft beteiligt sind. Hierbei gilt im Gegensatz zu GmbHs oder Aktiengesellschaften in der Regel das demokratische Prinzip: Ein Mitglied, eine Stimme – unabhängig von der Zahl der jeweiligen Mitgliedsanteile.

Das zentrale Willensbildungsorgan einer Genossenschaft ist die Generalversammlung (bei größeren Genossenschaften mit mehr als 1.500 Mitgliedern auch Vertreterversammlung). Hier beschließen die Mitglieder nicht nur über die Satzung und die Verwendung erzielter Gewinne, sondern wählen aus ihren Reihen auch einen Aufsichtsrat. Dieser bestellt wiederum einen Vorstand, der die Geschäfte der Genossenschaft im Alltag führt und diese auch öffentlich nach außen vertritt. Vorstand und Aufsichtsrat sind den Mitgliedern wiederum zur Rechenschaft verpflichtet.

Genossenschaften müssen im Genossenschaftsregister eingetragen und einem Genossenschaftsverband mit gesetzlichem Prüfungsrecht angeschlossen sein.

Kleine Begriffskunde

Der Begriff Genossenschaft wurzelt im altdeutschen Wort “noz” (=Vieh). Wer Anteil am Vieh bzw. einer Viehweide hatte, wurde als “Ginoz” bezeichnet. Die gemeinsame Viehhaltung war Angelegenheit der “ginozcaf”. Aus dem “Ginoz” wurde im Mittelhochdeutschen der “Genoz” und in der Neuzeit der “Genosse”. Der Begriff bezeichnet Gefährten mit gemeinsamen Erfahrungen oder Zielen, z.B. Kampf-, Eid- oder Bundesgenossen.

Genossenschaften – mitnichten ein Relikt der Vergangenheit

Heute ist die genossenschaftliche Idee – ungeachtet aller Veränderungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – nach wie vor aktuell. Die rund 7.600 genossenschaftlich organisierten Unternehmen in Deutschland werden von 20,7 Millionen Mitgliedern getragen. Damit gibt es in der Bundesrepublik insgesamt sechs mal so viele Genossenschaftsmitglieder wie Aktionäre. Rein statistisch betrachtet profitiert jeder vierte Bundesbürger mittlerweile von der Zugehörigkeit zu einer der verschiedenen Genossenschaftssparten. Die wirtschaftlich stärkste Gruppe sind dabei die Kreditgenossenschaften. Ihre 16 Millionen Mitglieder bilden das Fundament einer Bankengruppe mit 30 Millionen Kunden und einer Bilanzsumme von über 1.000 Milliarden Euro.

Seit der jüngsten Novellierung des Genossenschaftsgesetzes 2006 ist zudem wieder ein kontinuierlicher Anstieg bei genossenschaftlichen Neugründungen erkennbar: Bereits 2007 wurden 159 neue Genossenschaften verzeichnet – fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor. 2011 waren es dann schon 370 Neugründungen. Tendenz weiter steigend.

Wie aktuell das Modell der Genossenschaften aber nicht nur in Deutschland ist, zeigt sich auch daran, dass die Vereinten Nationen das Jahr 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen haben. In der Begründung lobten die UN-Verantwortlichen unter anderem die Auswirkungen der genossenschaftlichen Bewegung auf die nachhaltige wirtschaftliche Stabilität ganzer (vor allem ländlicher) Regionen und die positiven Effekte für andere Wirtschaftssektoren.

Vielfältige Genossenschaftswelt

Genossenschaften sind also kein “Relikt der Vergangenheit”. Wie schon während der Industrialisierung sehen sich mittelständische Handwerker und Gewerbetreibende heute wieder einem starken Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Durch die Kooperation mit Gleichgesinnten können sie von Größenvorteilen beim Einkauf oder im Absatz profitieren. Und ähnlich wie sich die früheren Fabrikarbeiter gegen teure Händler mit schlechter Warenqualität zu Konsumgenossenschaften zusammenschlossen, vereinen sich heute Verbraucher beispielsweise für den preiswerten Bezug von Gas, Strom oder Wärme bzw. für Bau und Betrieb gemeinschaftlicher Solar- oder Biogasanlagen.

Daneben gibt es zudem viele Unternehmen, die von Verbrauchern gar nicht als Genossenschaften wahrgenommen werden. Dazu zählen etwa die Einzelhandelsgenossenschaften von Edeka und REWE, die zentrale Vergabestelle der deutschen Internet-Domains (DENIC), die DATEV als Genossenschaft für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte sowie “die tageszeitung” (taz).