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Hintergrund

Die Industrielle Revolution in Deutschland

Die Industrielle Revolution bezeichnet den Übergang von der traditionellen Handarbeit zur maschinellen Massenproduktion in Großbetrieben. Sie setzte in Deutschland ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Kennzeichnend für die Industrialisierung waren revolutionäre Veränderungen bei den Produktionstechniken (Dampfmaschine, mechanischer Webstuhl), der betrieblichen Organisation (Fabriken, Aktiengesellschaften), dem Verkehrs- (Eisenbahn, Kanalbau, Verbrennungsmotor) und Kommunikationswesens (Telegraphie, Telefon) sowie in der Gesellschaft (Bevölkerungswachstum, Großstädte, Bildung einer Arbeiterschicht, Pauperismus).

Dampflokomotive Adler Nürnberg-Fürth 1935 Der “Adler” befuhr ab 1835 die erste Bahnstrecke Deutschlands. (Quelle: wikipedia, gemeinfrei)

 

Adolph v. Menzel: Eisenwalzwerk (1875) Adolph v. Menzel: Das Eisenwalzwerk (1875) (Quelle: wikipedia, gemeinfrei)

 

Benz Patent-Motorwagen Nr. 3 Benz Patent-Motorwagen Nr. 3 (1888) (Quelle: wikipedia / Zenodot, gemeinfrei)

Die Anfänge des modernen Genossenschaftswesen reichen zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit befand sich Deutschland inmitten einer Phase der Hochkonjunktur, nach wie vor getrieben durch die industrielle Revolution.

Rückblickend lässt sich die Industrialisierung in Deutschland in zwei wesentliche Phasen unterteilen: Die erste Phase erstreckte sich von Mitte der 1830er Jahre bis hin zur Gründerkrise im Jahre 1873. In dieser Zeit erwies sich anfänglich vor allem der Eisenbahnbau als Wachstumsmotor. Am 7. Dezember 1835 wurde die erste Bahnstrecke Deutschlands in Betrieb genommen. Sie führte über sechs Kilometer von Nürnberg nach Fürth. Bis 1840 gab es bereits 500 Kilometer Eisenbahnstrecke. Nochmals 30 Jahre später verband ein Schienennetz von fast 20.000 Kilometern die aufstrebenden Industrie- und Handelsstädte. Der gewaltige Eisen- und Kohlehunger der Eisenbahn und die Vorteile der Dampfmaschine sorgten zudem für einen lang anhaltenden Aufschwung der Montanindustrie, insbesondere im Ruhrgebiet, an der Saar und in Oberschlesien.

Die zweite Phase der deutschen Industrialisierung (auch als industrielle Ausbauphase bezeichnet) erstreckte sich anschließend an die Gründerkrise von 1873 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914. Neben der Montanindustrie entwickelten sich ab den 1880er Jahren die chemische Industrie und die Elektrotechnik zu neuen Zugbranchen. Die Dampfmaschine wurde zunehmend durch den Verbrennungsmotor abgelöst; das Automobil brachte nach der Eisenbahn den nächsten Umbruch im Transportwesen.

Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich Deutschland von einer agrarisch geprägten Region in eine der führenden Industrienationen gewandelt. Eine wichtige Voraussetzung hierfür war bereits mit der Agrarrevolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelegt worden. Bauernbefreiung, verbesserte Anbaumethoden sowie neue Kulturen und Geräte sorgten für eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität. Dies sicherte nicht nur eine bessere Lebensmittelversorgung und somit ein nachhaltiges Bevölkerungswachstum. Es sorgte auch für die Freisetzung der in den Fabriken benötigten Arbeitskräfte. Die Gewerbefreiheit – erstmals umgesetzt mit den Stein-Hardenbergschen Reformen 1810 in Preußen – beendete für große Teil der gewerblichen Wirtschaft die Reglementierungen des Zunftwesens.

Deutscher Zollverein – Karikatur zum Wegfall der Zollschranken Zeitgenössische Karikatur zum Fall der Zollschranken (Quelle: wikipedia, gemeinfrei)

Begünstigt wurde der wirtschaftliche Aufschwung auch durch die schrittweise nationale Einigung. Mit der Gründung des Deutschen Zollvereins hatten sich die deutschen Bundesstaaten bereits 1834 auf eine einheitliche Zoll- und Handelspolitik verständigt. Mit dem von Preußen dominierten Norddeutschen Bund ab 1866 und der Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 wurde schließlich ein einheitlicher Binnenmarkt geschaffen.

(siehe hierzu auch: Bittschrift deutscher Kaufleute und Fabrikanten zur Abschaffung der innerdeutschen Zollschranken an die Bundesversammlung vom April 1819)

Stichwort: “Made in Germany”

Am 23. April 1887 verabschiedete das englische Parlament eine Neufassung des “Merchandise Marks Act” von 1862: Danach musste auf allen Importartikeln, die mit englischen Fabrikaten verwechselt werden konnten, ein Hinweis auf das Produktionsland stehen – und zwar mit den Worten “Made in…”. Mit dem Aufdruck sollten englische Kunden vor allem vor qualitativ minderwertigen Produktimitaten aus dem Deutschen Reich gewarnt werden. Doch die Idee kehrte sich ins Gegenteil: Statt Billigprodukten exportierte das aufstrebende Deutschland immer hochwertigere Industriegüter. Das Siegel “Made in Germany” wurde damit bald zum unverkennbaren Qualitätsmerkmal der zunehmend besseren deutschen Waren.

Folgen der Industriellen Revolution

Erinnerungen eines Landarbeiters an die Industrialisierung

“Früher gab es sowohl im Winter als auch im Sommer in der Landwirtschaft Arbeit genug, denn sämtliche Arbeiten mussten mit der Hand verrichtet werden. Den ganzen Winter über standen einige Tagelöhner auf der Dreschdiele und droschen das Korn mit dem Flegel aus. Diese Arbeit hat sich infolge der jetzt überall gebräuchlichen Dreschmaschinen bis auf ein Minimum beschränkt. (…) Ebenso macht die Mähmaschine viele Hände überflüssig, wo Bodenbeschaffenheit und Kornart dies nur immer gestatten. Ganz dasselbe ist schließlich auch beim Häckselschneiden der Fall. Die meisten Großbauern mussten früher während des Winters fast ständig einen vollkräftigen Mann beschäftigen, der weiter nichts tat, als (…) Häcksel klein zu knuffen. Mit den heutigen Göpelmaschinen ist das Häckselschneiden ein Spielwerk geworden; es wird nur noch alle paar Tage im Nebenamt besorgt. So hat also (…) die Einführung von Maschinen eine förmliche Umwälzung auch in der Landwirtschaft herbeigeführt, die besonders für die sesshaften Arbeiter äußerst nachteilig wirkt.”

(aus: Franz Rehbein, “Das Leben eines Landarbeiters”, Jena 1911″ – Franz Rehbein (1867-1909) arbeitete etliche Jahre als Land- und Hilfsarbeiter, bevor er ab 1902 Lokalredakteur der sozialdemokratischen Zeitung “Vorwärts” wurde.)

Insgesamt bedeutete die Industrialisierung für breite Bevölkerungsteile sowohl auf dem Land als auch in den Städten gravierende Einschnitte bei ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen. So führte unter anderem der verstärkte Einsatz von Maschinen und Dampfkraft zur Abnahme der Handarbeit. Dadurch sanken zwar die Herstellungskosten, gleichzeitig verloren so aber auch viele Arbeiter und Tagelöhner ihre angestammten Arbeitsplätze. “Verkehrsrevolution” und Zollunion führten zur Aufhebung regionaler Marktbegrenzungen. Als Folge dessen setzten in fernen Fabriken kostengünstiger produzierte Massengüter die regionalen Handwerker unter enormen Konkurrenzdruck.

Insbesondere die unteren Bevölkerungsschichten sahen sich von einer zunehmenden Verelendung betroffen. Das zeigte sich unter anderem in…

  • …der Entstehung einer neuen Arbeiterschicht (“Proletariat”) mit prekären Arbeitsbedingungen (Arbeitszeiten von zwölf und mehr Stunden, geringes Lohnniveau, fehlender Arbeitsschutz, monotone Arbeit nach dem Diktat der Uhr – siehe hierzu auch: Fabrikordnung der Baumwollspinnerei Staub & Söhne von 1853),
  • …einer zunehmenden Frauen- und Kinderarbeit und deren Folgen (fehlende Schulbildung, körperliche und seelische Schäden, Prostitution),
  • …einer mangelhaften Wohnsituation in den anwachsenden Städten (triste, überbelegte Mietskasernen mit primitiven hygienischen Verhältnissen),
  • …einer sich ausbreitenden Trunksucht (infolge von Elendsalkoholismus bzw. auch von gefördertem Alkoholkonsum in den Fabriken zur Motivationssteigerung) sowie
  • …der Zerstörung der Umwelt, unter anderem durch die Verschmutzung von Luft und Wasser – was sich wiederum negativ auf den allgemeinen Gesundheitszustand auswirkte (z.B. durch Atemwegs- und Durchfallerkrankungen).

Und was sagen Sie dazu...?

2 Kommentare
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  1. Guten Tag,
    wie sah es zur Zeit der Industrialisierung mit der Mayonnaise aus? Wo wurde sie hergestellt, wie schmeckte sie, woraus wurde sie gemacht und gab es überhaupt welche?

  2. Sorry, da muss ich passen. Zwar interessante Frage, aber nicht mein Gebiet… :)

    Zumindest hat es die Mayonnaise zu der Zeit aber offenbar schon gegeben. Siehe dazu bspw. hier:

    http://www.gomeal.de/artikel/434/Mayonaise.html
    http://www.illesbalears.es/ale/baleareninseln/gastronomie2.jsp?SEC=GAS&id=00000413&lang=0005

    Und Fun-Fact am Rande: In Japan gibt es offenbar ein Museum für die Mayonnaise
    http://asienspiegel.ch/2014/05/ein-museum-fur-die-mayonnaise/