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"Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts"

Genossenschaften im 1. Weltkrieg

Am 28. Juni 1914 wurden in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau von serbischen Nationalisten ermordet – und damit die Zündschnur an das “Pulverfass Europa” gelegt. Das deutsch-französische Wettrüsten, die Flottenrivalität mit Großbritannien, die offensive Balkanpolitik Russlands, das übersteigerte Vertrauen in die eigene militärische Überlegenheit sowie die enge Verknüpfung des Deutschen Reiches mit Österreich – unterstützt durch den Hunger nach globaler Geltung und nationalem Stolz – gipfelten in der “Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts”, dem Ersten Weltkrieg.

Erster WeltkriegChateauwald bei Ypern nach intensivem Artilleriebombardement (1917)(Bild: Australian War Memorial)

Schon nach wenigen Wochen erstarrte der von der deutschen Heeresführung angestrebte rasche Bewegungskrieg in einem erbittert geführten Stellungskrieg. Im Zuge dessen wurde zunehmend das gesamte deutsche Wirtschaftsleben auf den Krieg eingestellt. Von wirtschaftlicher Freiheit sei nur noch wenig zu bemerken, vermerkte der Allgemeine Genossenschaftsverband (Schulze-Delitzsch) in seinem Jahresbericht für 1915. Überall greife der Staat bestimmend und ordnend ein. Sein Machtgebot regle die Warenverteilung und nicht selten auch bereits die Produktion.

(Mehr Informationen zum 1. Weltkrieg sowie insbesondere zum Kriegsbeginn in der deutschen Presse gibt es bei unserem Partnerportal GeschichtsPuls: Der Erste Weltkrieg 1914-1918 – Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.)

Die Genossenschaften in der Kriegszeit

Für die Genossenschaften waren die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges sehr unterschiedlich. Vergleichsweise am günstigsten war die Lage sicherlich bei den für die Nahrungsmittelversorgung herangezogenen landwirtschaftlichen Genossenschaften. Auch die Handwerkergenossenschaften erfuhren während des Krieges eine starke Anregung. Allein in den ersten drei Kriegsjahren wurden rund 600 Liefergenossenschaften gegründet, die dem gemeinsamen Rohstoffbezug, der Produktion und dem Warenabsatz dienten. Solche Zusammenschlüsse erfolgten insbesondere in den Bereichen der Schneider, Sattler und Tapezierer, Schlosser, Schmiede und Stellmacher sowie der Schuhmacher. Die Lebensfähigkeit der Liefergenossenschaft über den Krieg hinaus war jedoch nicht immer gegeben – schließlich waren zahlreiche dieser Vereinigungen erst aus den Bedürfnissen des Krieges heraus entstanden.

Für die Kreditgenossenschaften lag die große Belastungsprobe vor allem in den Wochen vor dem Krieg. Infolge der politischen Unsicherheit hoben zahlreiche Sparer ihr Geld bei den Banken ab. Bei den Genossenschaftsbanken betrug die Gesamtsumme der Auszahlungen zwischen dem 15. Juli und 15. August 1914 gut ein Fünftel aller am 15. Juli 1914 bestehenden Spareinlagen. Während des Krieges floss “das Leben der Kreditgenossenschaften verhältnismäßig ruhig dahin”, wie es in den Jahresberichten des Allgemeinen Verbandes heißt. Schwierigkeiten im Geschäftsablauf ergaben sich vor allem durch das Fehlen von Angestellten sowie Aufsichtsrats- und Vorstandsmitgliedern, die dem Ruf zur Fahne gefolgt waren. Das Kreditgeschäft ging allgemein stark zurück, stattdessen wurden die Spargelder vielfach in Kriegsanleihen angelegt. Lediglich dort, wo das Gewerbe in größerem Umfang die Kriegsgüterproduktion eingebunden war, konnten die Kreditgenossenschaften ein regeres wirtschaftliches Leben aufrecht erhalten.

Sparaufruf Erster Weltkrieg: Spare SeifeSparappell während des 1. Weltkrieges(Bild: US Library of Congress)

Deutlich stärker wirkte sich der Erste Weltkrieg dagegen auf die Konsumvereine und die Baugesellschaften aus. Gerade erstere mussten sich – während und auch noch nach dem Krieg – immer wieder neuen Gesetzen und Verordnungen unterwerfen, die die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Produkte sichern sollten. Die Baugenossenschaften litten unter beständig steigenden Mietausfällen, die ihre Bilanzen bis in die Friedenszeit hinein belasten sollten. Knappe Baumaterialien verteuerten zudem die Baumaßnahmen und führten 1917 schließlich zu einem allgemeinen gesetzlichen Bauverbot.

Gebietsabtretungen und verlorene Genossenschaften

Am Mittag des 11. Novembers 1918 verstummte schließlich das Trommelfeuer auf den Schlachtfeldern – nach vier Jahren Materialschlacht endete der Erste Weltkrieg mit der deutschen Kapitulation. Der Blutzoll war hoch: Insgesamt forderte der Krieg das Leben von rund 15 Millionen Menschen, darunter sechs Millionen Zivilisten. Auf deutscher Seite starben mehr als zwei Millionen Soldaten. Hinzu kamen insgesamt mehr als 20 Millionen Verwundete.

Zu den Kapitulationsbedingungen zählten unter anderem umfangreiche Gebietsabtretungen des Deutschen Reichs an die Siegermächte. Dadurch gingen dem deutschen Genossenschaftswesen insgesamt zwischen 3.600 und 4.000 Genossenschaften verloren. Darunter befanden sich nicht nur Genossenschaften in Ost- und Westpreußen, Posen und Oberschlesien, in der Pfalz und in Elsaß-Lothringen, sondern beispielsweise auch im vormaligen Deutsch-Südwestafrika. Der Allgemeine Genossenschaftsverband (Schulze-Delitzsch) beklagte diese Kriegsfolgen: “Wir haben hier ein denkwürdiges Zeichen für den gewaltigen Aderlass, dem Deutschland unterzogen ist. Wie viel wirtschaftliches, industrielles, gewerbliches, landwirtschaftliches, geschäftliches Leben ist damit aus dem deutschen Volkskörper herausgerissen! Wir behalten die ausgeschiedenen Genossenschaften in treuer Erinnerung und hoffen, dass sie in Feindesland Stätten deutscher Gesinnung sein und bleiben mögen.”

Die Weimarer Republik

Generalstreik - Vorwärts-Extrablatt 9. November 1918Aufruf zum Generalstreik (Vorwärts-Extrablatt vom 9. November 1918)(Bild: wikipedia, gemeinfrei)

Das Kriegsende markierte gleichzeitig auch das Ende des alten Europas und die endgültige Ablösung der Monarchie durch die republikanische Staatsform. Bereits am 29. Oktober 1918 hatten Matrosen der Hochseeflotte in Kiel und Wilhelmshaven angesichts eines letzten “ehrenvollen” Gefechts gegen britische Verbände den Gehorsam verweigert. In wenigen Tagen breitete sich der Matrosenaufstand wie ein Flächenbrand im Deutschen Reich aus und erfasste auch die Arbeiterschaft. Neben die militärischen traten politische Forderungen; vor allem der Ruf nach Abdankung des Kaisers wurde lauter. Am 9. November erklärte Reichskanzler Prinz Max von Baden den Thronverzicht Wilhelm II.; gleichzeitig ernannte er den Parteivorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), Friedrich Ebert, als Führer der stärksten Reichstagspartei zum neuen Reichskanzler. Zwei Tage später ging Wilhelm II. ins niederländische Exil; Philipp Scheidemann rief vom Fenster des Berliner Reichstages die (Weimarer) Republik aus.


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Ein Kommentar
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  1. Die Menschen damals waren, wie soll ich mich ausdrücken hhhmmm.. nicht klar im Kopf. Kein Krieg hat ein Richtigen effekt, aber der Erste Weltkrige am wenigsten.

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